Konferenzbeitrag auf der Annual International Conference der Royal Geographical Society
Vom 1. bis 4. September 2026 fand in London die Annual International Conference der Royal Geographical Society (RGS-IBG) statt, eine der größten internationalen Fachkonferenzen der Geographie. Unter dem diesjährigen Leitthema „Geographies of inequalities: towards just places“ diskutierten Forschende aus aller Welt, wie räumliche und gesellschaftliche Ungleichheiten entstehen, sich gegenseitig verstärken und überwunden werden können.
Für das Projekt Saarmila bot die Konferenz die Gelegenheit, aktuelle Ergebnisse in eine stärker theoretische Debatte über Mobilität, Macht und gesellschaftliche Ungleichheit einzubringen. Im Vortrag „Against the inevitability of cars: power, gender, and authoritarian mobility“ ging Dr. Andrea Amri-Henkel der Frage nach, warum automobile Mobilität so selbstverständlich erscheint und welche gesellschaftlichen Machtverhältnisse sich darin widerspiegeln.
Auto wollen oder Auto brauchen?
Ausgangspunkt des Vortrags war die Annahme, dass die Dominanz des Autos nicht allein aus individuellen Entscheidungen erklärt werden kann. Mobilität findet nicht im luftleeren Raum statt. Über Jahrzehnte entstandene Siedlungsstrukturen, Infrastrukturen und Alltagsroutinen machen das Auto für viele Menschen zu einer praktischen Notwendigkeit. Was gesellschaftlich hergestellt wurde, kann dadurch mit der Zeit als selbstverständlich oder sogar alternativlos erscheinen.
Gleichzeitig ist Automobilität mehr als eine praktische Frage. Autos können für Unabhängigkeit und Freiheit stehen, mit bestimmten Vorstellungen von Status oder Geschlecht verbunden sein oder schlicht als notwendiger Bestandteil eines funktionierenden Alltags wahrgenommen werden.
Mit Daten aus einer deutschlandweiten repräsentativen Befragung im Forschungsprojekt Saarmila haben wir deshalb untersucht, wie unterschiedliche Einstellungen zur Automobilität mit breiteren gesellschaftlichen Orientierungen zusammenhängen. Dabei zeigt sich, dass autobezogene Einstellungen nicht unabhängig von anderen gesellschaftlichen Einstellungen auftreten. Es bestehen systematische Zusammenhänge unter anderem mit autoritären und antifeministischen Einstellungen, einem instrumentellen Verständnis von Natur sowie mit Umweltbewusstsein.
Auch bei der Unterstützung konkreter verkehrspolitischer Maßnahmen zeigen sich solche Zusammenhänge. Ob Menschen beispielsweise einen besseren öffentlichen Verkehr, sichere Rad- und Schulwege, Verkehrsberuhigung oder Tempolimits unterstützen, ist nicht allein eine Frage ihrer persönlichen Mobilitätssituation, sondern steht auch mit breiteren gesellschaftlichen Orientierungen in Verbindung.
Mobilitätswende als gesellschaftliche Transformation
Für die Mobilitätsforschung bedeutet das: Die Mobilitätswende lässt sich nicht auf die Frage reduzieren, mit welchem Verkehrsmittel wir zukünftig von A nach B gelangen. Verkehrssysteme sind Teil gesellschaftlicher Verhältnisse. In ihnen spiegeln sich Vorstellungen von Freiheit und Unabhängigkeit ebenso wider wie Fragen von Geschlecht, sozialer Teilhabe, dem Umgang mit öffentlichem Raum und dem Verhältnis zur Natur. Die Frage wie öffentlicher Raum verteilt wird, wer Zugang haben soll und wer nicht, wem welcher Raum zusteht, wird nicht unabhängig von gesellschaftlichen Macht- und Dominanzverhältnissen diskutiert.
Die zahlreichen Beiträge und Diskussionen in London haben gezeigt, wie produktiv es sein kann, räumliche Strukturen und gesellschaftliche Ungleichheiten gemeinsam zu betrachten. Für unsere Arbeit an einer sozial gerechten Mobilitätswende bedeutet das auch, vermeintliche Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen: Welche Mobilitätsformen erscheinen uns als „normal“? Welche Infrastrukturen machen bestimmte Verhaltensweisen erst notwendig? Und wer hat tatsächlich die Möglichkeit, sich anders zu bewegen?
Eine gerechte Mobilitätswende bedeutet deshalb nicht, Menschen ihre individuelle Mobilitätsentscheidung vorzuschreiben. Vielmehr geht es darum, Strukturen zu schaffen, die echte Wahlmöglichkeiten eröffnen und damit die Abhängigkeit vom Auto dort zu reduzieren, wo sie heute vor allem aus fehlenden Alternativen entsteht.
